Von Doktoren, Ministern und Revolutionen.

Gestern las ich einen facebook-Post, der wie folgt lautete: „Da beschießt der Irre in Libyen Demonstranten aus Kampfjets und wir diskutieren über abgeschriebene Doktorarbeiten“. Das ist der eine Teil der Wahrheit: Wenn man keine echten Probleme hat, macht (oder schreibt) man sich welche. Aber ich denke doch, dass es so etwas wie ein ernsthaftes Problem gibt rund um die „Guttenberg-Geschichte“. Da sind zum einen die Medien, die immer wieder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu Lichtgestalten erheben, auf den Sockel stellen, um sie dann bei nächster Gelegenheitwieder herunterzustoßen. Das erleben wir nicht zum ersten – und sicherlich auch nicht zum letzten – Mal. Und es gibt die gute alte Frage der Glaubwürdigkeit, der sich gerade die ganz besonders ausgesetzt sehen, deren Beliebtheit aussergewöhnlich groß ist. Der schneidige Karl-Theodor, wandelnder Anachronismus aus Adel und Modernität, Blender und Gutmensch, ist ohne Frage eines der großen politischen Talente unserer Zeit. Seine Unkonventionalität und Direktheit haben ihm viel Sympathien und ausserirdische Umfragewerte eingebracht. Genau dieser Instinkt für Sprache und Haltung scheint ihn aber jetzt verlassen zu haben – das, was er zu den Vorwürfen gegen ihn zu sagen hat, ist armselig und er versteckt sich. Und, was das Zitat vom Anfang betrifft, es gibt doch eine Verbindung zwischen der Doktorarbeit des Freiherrn und der Revolutionslage in Nordafrika: Das Internet. Die Zeiten, in denen Führungspersönlichkeiten sich aus der Verantwortung stehlen oder Fehlverhalten vertuschen können, gehören endgültig der Vergangenheit an. Ob Videoposts auf Youtube über Parties der herrschenden Klasse in Tunesien, Demonstrationsverabredungen via twitter und facebook, oder ein „Guttenplag-Wiki“, der mit einem Heer von Freiwilligen binnen 14 Tagen über 140 kritische Seiten in Guttenbergs Doktorarbeit identifiziert – das Netz und seine Bevölkerung lassen nicht mehr viel durchgehen. Im Großen wie im Kleinen. Unabhängig von der Frage, wie das Ganze jeweils ausgeht – ich finde den Gedanken einer universellen Rechenschaftspflicht ziemlich gut. In diesem Sinne.