Ein paar Gedanken zum Thema Integration

Nein, ich möchte hier nicht Thilo S. und seine verquasten Thesen wieder aufwärmen. Ich möchte auch nicht der Frage nachspüren, wieviele unserer migrationshintergründigen Mitbürger nun tatsächlich integrationswillig sind oder nicht. Mich interessiert auch nicht, ob die Piraten regierungsfähig sind. Oder ob Occupy ein gemeinsames inhaltliches Ziel hat oder nicht. Oder, oder, … Weil all diese Fragen insofern falsche Fragen sind, als der Streit darüber letztlich verhindert, endlich darüber zu reden, warum unsere Gesellschaft seit Jahren in zunehmendem Maße Parallelgesellschaften produziert. Das ist nämlich beileibe kein ethnisches, religiöses, parteipolitisches oder kulturelles Phänomen. Es ist auch nicht an besimmte soziale Milieus gekoppelt sondern betrifft die Elite unserer Gesellschaft mindestens genauso wie die Migranten oder sozial Schwachen. Parallelgesellschaften sind allgegenwärtig. Das, was vor nicht allzu langer Zeit noch soziodemografische Gruppen und dann irgendwann Sinus-Milieus hieß, wächst sich zu einem bunten Strauss von nebeneinander existierenden Soziobiotopen aus, die immer häufiger eines gemeinsam haben: Sie wollen mit dem gesellschaftlichen Mainstream nichts mehr zu tun haben. Mit anderen Worten: Sie sehen keinen Grund, sich mit der Gesellschaft, in der sie leben, zu identifizieren, sich gestaltend und engagierend einzubringen. Das manifestiert sich im Ausbluten der (traditionellen) Parteien, der Kirchen und Verbände, im Vertrauensverlust gegenüber Institutionen und der Politik. Und ich frage mich: Was passiert da? Nein, „die Politik“ ist nicht schuld. Jedes Volk bekommt die Politiker, die es verdient. Nein, auch „die Medien“ sind es nicht, auch wenn sie 90% ihrer Energie darauf verwenden, Öl ins Feuer zu gießen. Natürlich könnten Politiker mutiger und nachhaltiger gestalten, natürlich könnten Journalisten fairer und angemessener berichten. Aber die Frage ist doch: Wollen wir das überhaupt? Wollen wir überhaupt die Harausforderung annehmen, eine ungewisse und herausfordernde Zukunft aktiv und verantwortlich zu gestalten? Wollen wir ernsthaft in einer multikulturellen Gesellschaft ankommen, die wir de facto längst haben? Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, wir wollen lieber einfache Lösungen. Ohne selbst zu tun. Was es braucht, sind Menschen, die vormachen, wie es geht. Und die Bereitschaft der anderen, hinzugucken. Beispiele gibt es genug. Ich wünsche uns allen mehr Mut, mehr Neugier, mehr Aufmerksamkeit auf das, was läuft. In diesem Sinne: Guten Rutsch und ein frohes neues Jahr.