Warum wir Trump (und all die anderen) irgendwie verdient haben

Zeit, sich in der politisch korrekten Empörungsecke mal wieder unbeliebt zu machen. Finde ich. Nichts ist zur Zeit einfacher, als sich über den neuen amerikanischen Präsidenten aufzuregen. Oder lustig zu machen. Oder komplett die Fassung zu verlieren. Und nicht nur über den. Es gibt ja um die Ecke am Bosporus noch den Sultan Recep Tayip und weiter östlich den Zar Vladimir. Ach ja, und die anderen Herrschaften: Orban, Le Pen, Wilders, Farrage, Kaczinsky und wie sie noch alle heißen. Man vergisst glatt die traditionellen Krisenherde der letzten Jahrzenhnte. Irgendwo muss da ein Nest sein – es kann einem Angst und Bange werden. Wirklich.  Da hilft auch die gute Nachricht nicht viel, dass sich die AfD im eigenen Haus gerade selbst zerlegt und mit etwas gutem Willen bis September noch die Fünfprozenthürde durchbricht. Von oben.

Nur, was meine Lust und den Spass am Ärgern und mich aufregen auf Dauer etwas eintrübt, ist die relative Abwesenheit einer differenzierten Auseinandersetzung mit den Fragen nach dem jeweiligen „Warum?“.

Warum hat Trump immer noch deutlich mehr als drei Fans?
Warum wählen die Türken möglicherweise nächsten Monat die Demokratie ab?
Warum sind ausgerechnet die freiheitsliebenden Gallier kurz davor, eine faschistische Blondine ins Amt zu wählen?
Warum ist der gesamte ehemalige Ostblock gefühlt aus Europa ausgezogen?
Wie kam das liberale Holland vom Coffeeshop in die mentale Kaserne?
Warum ist Putin für Rechte und Linke gleichermaßen als neuer politischer Liebhaber attraktiv?

Und jetzt kommt mir bitte nicht mit der feinsinnigen Beobachtung, dass die Amis, die Russen, die Türken, die Franzosen und die Briten mit all den anderen nicht aufgezählten allesamt zeitgleich verblödet sind, es ihnen einfach an Bildung und Anstand mangelt und sie nicht kapieren, dass sie „von denen“ verarscht werden. Das ist mir zu einfach und – noch schlimmer – ich habe den Verdacht, dass es nicht stimmt. Jedenfalls nicht durchgängig.
Ja, es gibt einen Haufen Anhänger von… (Namen bitte einsetzen), bei denen einem Angst und Bange wird, wenn man ihnen zuhört. Aber das reicht nicht als Erklärung; da steckt mehr dahinter.

Aber was? Meiner Ansicht nach ist da noch etwas, das wie ein schleichendes Gift in den letzten Jahrzehnten dazu geführt hat, dass jetzt auf einmal ganz viele – scheinbar verschiedene – Menschen mit einer gefühlten Persönlichkeitsänderung auf die Welt schauen.
Das Gift ist eine um sich greifende, immer mehr zum kollektiven Gefühl anwachsende Angst. Angst vor einer Welt, die immer komplexer und undurchschaubarer wird. Die von einer kleinen Gruppe von Menschen in einer globalisiert konzertierten Aktion ausgebeutet und zugrunde gerichtet wird. Einer Welt der Demütigungen und der gebrochenen Versprechen. Einer Welt, die zunehmend dysfunktional ist. Einer Welt, in der es über kurz oder lang möglicherweise nur noch Verlierer geben wird. Und damit – folgerichtig – auch einer Welt der Abgehängten.

Sieht man das Abgehängtsein einmal nicht nur als wirtschaftlichen Niedergang oder existentielle Not (uns gehts doch hier allen supergut!), sondern auch als de facto Ausschluss von der tatsächlichen Gestaltungsmacht, die dem Individuum zur Verfügung steht – im Sinne einer wirksamen Einflussnahme auf den Lauf der Dinge -, dann sind tatsächlich 98,5% der Weltbevölkerung jetzt schon abgehängt (konservative Schätzung). Das daraus resultierende Ohnmachtsgefühl reicht – verbunden mit einer diffusen Angst  – an sich schon für eine Menge unguter Ressentiments; wir erinnern uns: Angst macht Wut und Wut sucht sich Feindbilder bzw. Schuldige. Und da kommen wir ganz schnell ans sogenannte Establishment. Politiker, Banken, Konzerne und Institutionen. Und natürlich auch an Flüchtlinge, weil Angst vor Fremden schon immer gut funktioniert hat.

Und jetzt wird es spannend: Diese Welt, in der sich immer mehr Menschen auf die beschriebene Weise abgehängt fühlen, die wird regiert und verwaltet von Leuten, denen das alles völlig egal ist (oder zumindest zu sein scheint). Die auf mehr oder weniger zivile und politisch korrekte Weise das „Weiter so!“ zelebrieren. Die jahrzehntelang Machtspielchen gespielt haben, für die jetzt die Rechnung reinläuft. Denen nichts einfällt, was in irgendeiner Weise die Bedrohungen und Unsicherheiten, die auf uns zukommen, angemessen adressiert. Die seit langem alle Warnungen und Mahnungen in den Wind geschlagen haben. Die – anders gesagt – den fundamentalen Wandel leugnen, ignorieren oder zumindest klein reden.

Denn fast nichts von dem, was bis heute funktioniert hat, wird in 10 Jahren noch funktionieren. Keines der Paradigmen, auf denen z.B. unsere Wirtschaft beruht, wird noch lange Bestand haben. Kein aktuelles Konzept im Angebot des politischen Mainstreams hat die Chance auf nachhaltigen Erfolg und die Qualität der politischen Auseinandersetzungen ist armselig. Große Einigkeit beim Antidemokratenbashing ist keine Kunst. Aber hey, wir stecken in einer ernsthaften Krise, und das nicht nur in einer Hinsicht. Lasst uns keine Zeit verplempern mit einer Empörungsinszenierung nach der anderen. Wo sind die konstruktiven, mutigen Lösungsangebote? Wo ist der große Entwurf, der Mut etwas wirklich ernsthaft anderes, neues zu versuchen?

Was Trump und die anderen Möchtegern-Despoten tun – und was sie so attraktiv macht für viele, ist eines: Sie vermitteln ihren Wählern und Sympathisanten das Gefühl, das „etwas“ passiert, und zwar hier und jetzt. Sie erwecken damit den Anschein, dass sie in der Lage sind, etwas zu bewegen, dass sie ein unbeliebtes und in Teilen dysfunktionales System einfach über den Haufen regieren können. Und dass sie in der Lage sind, den angeschlagenen Stolz einer Nation wieder herzustellen.
Dass das, was sie da tatsächlich tun, eher keine Hilfe ist bei der Lösung der wirklichen Probleme, ist zwar klar, hilft aber nicht. Es braucht echte – und radikale – Alternativen; nicht nur für Deutschland.

Bitte versteht mich richtig: Ich will nichts von all dem Unfug, den die oben genannten Herrschaften erzählen und / oder fabrizieren, beschönigen oder gar rechtfertigen. Und ich finde die meisten dieser Gestalten wahrhaft gruselig und abstoßend.
Nützt nur nix, wenn es darum geht, nach Antworten zu suchen, was es tatsächlich jetzt braucht.
Nicht, dass ich das schon wüsste. Aber ich bis ziemlich sicher: Kein „Weiter so wie bisher!“

 

Ein Gedanke zu „Warum wir Trump (und all die anderen) irgendwie verdient haben

  1. Du sprichst von

    „de facto Ausschluss von der tatsächlichen Gestaltungsmacht, die dem Individuum zur Verfügung steht – im Sinne einer wirksamen Einflussnahme auf den Lauf der Dinge“……….

    Und auch von einer immer komplexer werdenden Welt.

    In der Komplexität liegt aus meiner Sicht das Problem. Komplexe Systeme sind eben nicht determinierbar, sie sind somit auch nicht von einem Individuum dergestalt beeinflussbar, dass das Verhalten des Systems kausal dem Individuum zugerechnet werden kann.

    Also bleibt nur dagegen sein und der – untaugliche – Versuch, mit der isolierten Betrachtung von Subsystemen den Glauben an den eigenen Einfluss wieder herzustellen.

    Das macht den Erfolg der genannten ……. aus.

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