Das Leben ist schön.

Neulich hatte ich mit meinem Sohn (20 Jahre alt) ein schönes abendliches Vater-Sohn Gespräch. wir saßen zusammen beim Spanier, haben Tapas, Brot und Aioli gegessen und über das Leben gesprochen.

Ein Satz von ihm, der mich besonders berührt und nachdenklich gemacht hat, war: „Weißt Du, was ich total geil finde? Das Leben, die Menschen, die Zusammenhänge zwischen den Dingen – das alles ist so unfassbar komplex und miteinander verwoben, das flasht mich total! Ich kann gar nicht genug davon kriegen.“
In meinem Beruf als Unternehmenscoach und -Kommunikationsberater erlebe ich allzu häufig die gegenteilige Reaktion. „Es ist alles so furchtbar kompliziert, man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Nichts läuft so, wie man es geplant hat oder wie es in den Lehrbüchern steht. Eigentlich möchte ich am liebsten gar nichts versuchen, aber das geht ja nicht.“

Gegensätzlicher könnte die innere Haltung gegenüber dem Phänomen der Komplexität nicht sein. Was, frage ich mich oft, macht den Unterschied der Perspektiven aus? Warum sieht der eine die Chancen und Möglichkeiten der Vielfalt und ist begeistert davon, während der andere wie gelähmt vor der gefühlten Kakophonie und dem Chaos der ungezählten Herausforderungen kapitulieren möchte?
Der Hinweis auf die Unterschiedlichkeit menschlicher Wesens- und Charakterzüge und das vielbemühte Bild vom halbvollen, bzw. halbleeren Glas beschreibt vielleicht das, was wir sehen, erklärt aber nicht, was dazu führt.
Sind wir wirklich in so grundlegender, elementarer Weise verschieden, oder entwickeln wir uns einfach nur entlang der Kontexte, in denen wir Leben erleben, unsere Lektionen lernen und unsere Erfahrungen machen, die uns dann letztlich prägen?
Die neurobiologischen Erkenntnisse der letzten Jahre deuten zumindest darauf hin, dass die lange geglaubte genetische Disposition, die angeblich unser Wesen, unseren Charakter maßgeblich formt, so nicht existiert. Dass unser Hirn – technisch gesehen – jederzeit in der Lage ist, sich optimal auf die Umstände hin zu entwickeln, mit denen es umgehen und fertig werden muss. Und das bis ins hohe Alter. Eigentlich eine gute Nachricht, wie ich finde. Schluss mit der Volksweisheit „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“!
Auch die immer wieder gemachte Feststellung, dass Menschen „sich nun mal nicht ändern“, ist offensichtlich keine Frage der Kapazitäten unseres Gehirns.
Das könnte, wenn wir es nur lassen würden.
Denn eins ist klar: Die beiden zitierten Volksweisheiten sind zwar vielleicht wissenschaftlich widerlegt, aber empirisch belegt durch millionenfache Beobachtung. Und deshalb glauben wir sie immer noch, lassen uns durch läppische neurobiologische Erkenntnisse nicht in dem erschüttern, was wir gelernt haben und für wahr halten.
Blöd nur, dass diese Haltung uns in eine immer prekärere Position hineinmanövriert, weil wir noch etwas anderes merken, das immer offensichtlicher in unser „na dann weiter so“ hinein stört: Es funktioniert nicht mehr. Um uns herum beginnen die Systeme, die wir einst zu beherrschen glaubten, ein Eigenleben zu entwickeln, sich zu verselbständigen und völlig aus dem Ruder zu laufen. Unsere lang gepflegte, von Teilerfolgen genährte Vorstellung von Steuerung und Kontrolle, Planung und Prognose, entpuppt sich immer klarer als Illusion. Wir stehen vor einer unüberschaubarer Fülle von Problemen, die wir selbst hervorgebracht haben – und zwar mit der Lösung der Probleme, die vorher da waren. Und die neuen Probleme sind größer als die alten, sie kriegen laufend Junge und, was am schlimmsten ist, wir haben sie nicht kommen sehen. Wir haben gelernt, in Ursachen und Wirkungen zu denken, und wenn wir eine Ursache für ein Problem identifiziert zu haben glaubten, haben wir im Sinne eines „Schuldigen“ beseitigt. So haben wir im Wege der vermeintlichen Poblemlösung Tier- und Pflanzenarten ausgerottet, ganze Ökosysteme zum Umkippen gebracht und unserem eigenen Lebensraum nachhaltigen, irreparablen Schaden zugefügt. Und langsam kommen wir an den Punkt, wo wir merken, dass Ursachen und Wirkungen ein kompliziertes Geflecht von Wechselwirkungen und Mustern sind, die wir mit all unseren Datenerhebungen nicht einmal annähernd „in den Griff“ bekommen. Es fehlt uns jegliche Idee, wie wir das unangenehme Gefühl der Ohnmacht wieder wegbekommen oder wenigstens kompensiert kriegen. Mit anderen Worten: Eine Idee, wie wir die Komplexität, von der wir uns bedroht fühlen, überwinden oder wenigstens drastisch reduzieren können. Und genau da liegt, denke ich, das Problem: Ideen zur „Komplexitätsbesiegung“ gibt es nämlich nicht, zumindest keine guten oder wirksamen. Wenn es uns gelingt, Komplexität nicht als Gegner zu sehen, sondern als Verbündeten, als den natürlichen Zustand aller lebendigen Systeme, dann können wir auch zu Ideen kommen, wie wir konstruktiv und produktiv mit ihr umgehen. Einfacher gesagt, als getan, ich weiß. Aber allemal einen Versuch wert. Das Leben ist schön.