Frühlingsgefühle

Die Älteren unter uns werden sich erinnern: Frühling, das ist die Jahreszeit, in der die Temperaturen steigen, die Farbe Grün in der Natur allmählich wieder eine gewisse Dominanz gewinnt, die Vögel wieder zwitschern und hartgesottene Deutschländer zum angrillen blasen. Dazu passend hatte es in der Regel einen Sommer, einen Herbst und einen Winter, jeweils zu erkennen an entsprechenden Temperaturen, Witterungsbedingungen und Farbgebungen (klassisch gold für Sommer, rot für Herbst und weiß für Winter).
Seit einiger Zeit ist die Erkennbarkeit der Jahreszeiten ohne einen Blick auf den Kalender nicht mehr so eindeutig möglich. Der verlässlichste Sommermonat der vergangenen Jahre war der April (ausgerechnet der!), wohingegen Sommerurlaub in Deutschland sinnvollerweise mit wetterfester Kleidung und Tonnen von Büchern für lange Aufenthalte in der Ferienwohnung zu bestreiten war. Der Herbst zeigte sich wiederum eher mild und spätsommerlich hartnäckig, wie als wolle sich Mutter Natur für den verkorksten Sommer entschuldigen. Und Winter? Kennen viele von den jüngeren Daheimgebliebenen nur vom Hörensagen. Zumindest die Variante mit Schnee und Frost. Winter war die letzten Jahre so eine Art Brutalo-Herbst in düsterem schmutzigbraun mit gelegentlichen Matscheinlagen. Ähnlich auch letztes Jahr, eigentlich bis weit in das neue Jahr hinein. Bis dann im Februar Väterchen Frost vom fernen Russland aus einen ausgedehnten Streifzug durch Groß-Europa unternahm und sogar von Griechenland bis Spanien allen südländischen Weicheiern gezeigt hat, wie Winter geht, wenn man es richtig macht. Minus 17 Grad in Deutschland – wann hatten wir das zum letzten Mal? Ich kann mich nur daran erinnern, dass das in meiner Kindheit (vor ziemlich genau 40 bis 50 Jahren) der winterliche Normalzustand war und die Frage „Schatz, wir hatten doch mal eine Schneeschippe, weißt Du, wo die sein könnte?“ undenkbar war. Kein Wunder, dass die klassischen Frühlingsgefühle, das Frühlingserwachen, der Frühjahrsputz, was auch immer, in den letzten Jahren sich etwas künstlich angefühlt haben, so wie Weihnachten in Australien. Freuen wir uns also, dass der Frühling, der jetzt (endlich) da ist, mal wieder einen Winter ablöst, der den Namen verdient. In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen tollen Frühling und noch drei weitere Jahreszeiten, die ihrem Namen Ehre machen.