Scrum – agile Prozesse braucht der Mensch

Seit zwei Wochen bin ich zertifizierter Scrum Master. Wow. Mal ganz abgesehen davon, dass Zertfikate gut fürs Geschäft sind (Kunden mögen qualifizierte Berater), und davon, dass SCRUM gerade ziemlich hip ist, möchte ich hier an dieser Stelle mal ganz grundsätzlich eine dicke Lanze für dieses spannende „Ding“ brechen. Wieso? Zu allererst mal deswegen, weil es keine Methode ist. In Zeiten allgemeiner Methodeninflation und esoterischer Beliebig- und Austauschbarkeit von deren Anwendung wäre eine neue Methode keiner weiteren Erwähnung wert. Aber was ist es dann?  Auf englisch wird Scrum als ein „agile development framework“ bezeichnet; Wikipedia übersetzt unverfroren mit “ Rahmenwerk für agile Entwicklungsprozesse“. So, also ein Rahmenwerk. Im Unterschied zur Methode geht es hier um ein wertebasiertes System, dass bestimmte Haltungen beim Anwender voraussetzt, damit seine Anwendung erfolgreich und wirksam ist. (siehe auch agile manifesto). Heißt: Man kann nicht „so tun, als ob“. Was nun macht Scrum so besonders? Scrum bedient zwei scheinbar widersprüchliche menschliche Grundbedürfnisse – Sicherheit und Freiheit und bedient beide zu jeweils 100%. Maximale Disziplin auf der Regelebene (wenige, aber strenge Regeln) und maximale Freiheit auf der Arbeitsebene (was tun wir täglich und wie tun wir es, um unser gestecktes Ziel zu erreichen bzw. unser gegebenes Commitment zu erfüllen). Allein die Idee, kreativen Freiraum in ein Regelwerk einzubetten, verdient Respekt, scheint es doch der Quadratur des Kreises zu entsprechen.

Aber, nicht nur die Idee ist toll, es funktioniert auch ausgesprochen gut. Weil es im Prinzip einfach und verständlich ist. Es gibt klare, präzise beschriebene Rollen innerhalb eines feststehenden Teams. Es gibt eine intensive und für alle Beteiligten verständliche Auftragsklärung, verbunden mit einer ebenso klaren Beschreibung des erwarteten Ergebnisses, der „Definition of Done“. Es gibt regelmäßigen, eng getakteten und zeitlich begrenzten Austausch unter den Beteiligten. Und sämtliche Projekte werden in beschreibbare, schätzbare und verarbeitbare „Portionen“ aufgeteilt, die als Teillieferungen hergestellt werden können.

Scrum ist zirkulär organisiert und durchläuft in sich in regelmäßig wiederholenden Zyklen die gleichen Rituale: Planen, umsetzen, bewerten, evaluieren, planen… Maximale Dauer eines solchen Zyklus (sprint genannt) ist vier Wochen. Dadurch entsteht ein in hohem Maße anpassungsfähiger und flexibler Projektverlauf, der optimal auf Veränderungen, Ergänzungen und Unvorhergesehenes eingestellt ist.

Scrum ist jederzeit für sämtliche Projektbeteiligte transparent, alle Fortschritte, Hindernisse und Ergebnisse sind sichtbar.

Entscheidend für das Gelingen von Scrum – und deswegen mag ich es besonders – ist die enge Kopplung des Erfolgs an gelingende Kommunikation. Scrum ist Teamwork – nicht die Summe von Einzelanstrengungen. Commitment, Offenheit, Respekt, Mut und Fokus sind innerhalb einer Gruppe von Menschen nur zu haben, wenn eine permanente Verständigung darüber erfolgt.

Scrum ist ein wirklich überzeugendes Framework für Kontexte, in denen unter hohem Veränderungsdruck produktiv und effektiv gearbeitet werden muss. Die Kombination aus Disziplin, Selbstorganisation und der Nutzung kollektiver Team-Skills macht es besonders wirkungsvoll. Und, für alle Manager und Controller: Scrum ist kein Gruppentherapieprogramm für Wohlfühlbeauftragte, sondern knallhart an Business Value orientiert.

Hier noch ein Video von mir zum Thema: