Was weiß denn ich?

Wir leben in der Wissensgesellschaft. Sagt man gemeinhin. Und häufig kommt dann als nächstes der als Beleg gemeinte Hinweis, dass das ja so sei, weil jetzt alle (zumindest die mit Internet) jederzeit Zugriff auf alle existierenden Informationen haben. Ich frage mich dann, ob Wissen tatsächlich nur die Verfügbarkeit einer hinreichend großen Sammlung von Informationen ist, oder nicht vielleicht doch noch etwas ganz anderes dahintersteckt. Mir geht es jedenfalls so, dass ab einer bestimmten Menge an Informationen regelmäßig der Effekt eintritt, dass ich eben nichts mehr weiß.Was also ist dann Wissen, wenn nicht eine Summe von Informationen? Irgendwie hängen die beiden doch auch zusammen, oder? Sicher, irgendwie schon. Ich denke, mit Wissen und Information verhält es sich so ähnlich wie mit Glaube und Religion. Letztere ist eine aus Informationen zusammengefügte Doktrin, die mir detailliert sagt, was richtig und falsch, gut und schlecht ist und wie alles zusammenhängt, woher ich komme und wohin ich gehe. So etwas ähnliches, wie eine Wissenschaft (aha, da ist es wieder, das Wissen) – letztlich also Theologie. Ich muss nicht glauben, ich kann einfach die Informationen “für wahr halten”, also für mich objektivieren und bin damit aus dem Schneider. Und Glaube? Glaube ist – paradoxerweise – das eigentliche Wissen. Etwas, das in mir steckt und mich in die Lage versetzt, mich zu allem, was mich umgibt, in Beziehung zu setzen. Das Wissen um meine Persönlichkeit, um meine Gaben und Talente, um meine Einzigartigkeit, um meine Bedeutung und meine Berufung. Otto Lilienthal wußte zum Beispiel, dass er fliegen kann, obwohl alle damals bekannten Fakten und Informationen degegen sprachen. Und Dietrich Bonhoeffer wußte sich “von guten Mächten wunderbar geborgen”, während er im KZ auf seinen sicheren Tod wartete. Viktor Frankl wußte, ebenfalls im KZ: “„Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Und Luther wußte, dass Gott anders ist als die katholische Kirche ihn verkauft hat und so stand er vor dem Kirchengericht und konnte nicht anders. Wissen ist also anscheinend nicht nur mehr als die Summe von Informationen, sondern etwas qualitativ anderes. Es ist einerseits völlig subjektiv, andererseits wesentlich sicherer und belastbarer als auf Fakten und Informaionen beruhende Überzeugungen. Wissen ist Macht, lautet ein altes Sprichwort. Bezogen auf die Verfügbarkeit von Informationen bedeutet das für unsere Netzgesellschaft einen Machtwechsel großen Stils. Aber es gibt noch eine andere, nicht weniger machtvolle Bedeutung, die für jeden einzelnen von uns gilt: Wissen ist das, was uns in die Lage versetzt, Informationen, Beobachtungen und Erfahrungen in für uns sinnvolle Zusammenhänge zu stellen und daraus nützliche Entscheidungen und Handlungen abzuleiten. Und das macht uns unabhängig und dadurch mächtig. Wir sollten allerdings skeptisch mit denen umgehen, die uns mit ihren Welterklärungsmodellen die Arbeit abnehmen wollen – egal, ob Theologen oder Physiker.

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