Dickschiffe und Piraten

Viele wundern sich zur Zeit über den geradezu atemberaubenden Erfolg der Piratenpartei. Ich nicht. Ich verstehe, ehrlich gesagt, nicht so ganz, wie man diese Bewegung, denn das ist es mehr noch als eine Partei, so großartig unterschätzen kann. Für mich sind die Piraten – bitte nicht schlagen – der zeitgemäße Ersatz für eine gänzlich überflüssig gewordene FDP. Freiheit, Bürgerrechte, Entscheidungsspielräume und Selstbestimmung waren einst – die Älteren unter uns erinnern sich – die Themen, mit denen eine FDP als Koalitionspartner der Dickschiffparteien echt Sinn gemacht hat. Aber das weiß heute keiner mehr, schon gar nicht in der FDP. Und Hoteliers, Zahnärzte, Rechtsanwälte und Wirtschaftsprüfer sind nicht der Stoff, aus dem eine loyale Parteibasis gemacht wird. Vor allem, wenn man nicht liefert.

Die Piraten haben vielleicht keine wirklich präsentablen Ideen zur Eurokrise und zu Afghanistan, aber das haben die anderen auch nicht – sie tun nur so. Dafür vertreten die Piraten eine wichtige und wachsende Fraktion der Netzgesellschaft und sie stehen für eine immer attraktiver werdende Haltung der Undogmatik. Sie sind, kurz auf den Punkt gebracht, der perfekte Gegenentwurf zur etablierten Politik. Was sie – bei Wahlbeteiligungen von 40 bis 60% je nach Wahltyp – für das bei weitem größte aktuell denkbare Wählerpotenzial interessant macht: die Nicht-Wähler. Eigentlich nicht so schwer zu kapieren, oder? Aber die etablierten, selbsternannten Politprofis lachen immer noch – oder noch schlimmer: tun so, als wäre die Existenz der Piraten ein Affront gegen die Seriosität. Bei soviel Realitätsferne wünsche ich mir für die Piraten mindestens 10% bei der nächsten Bundestagswahl. Ahoi.